Lawrence Lessig: Freie Kultur – Wesen und Zukunft der Kreativität

In seinem Buch Free Culture schrieb Havard Professor und Creative Commons Mitbegründer Lawrence Lessig bereits 2004 folgende Einführung in die Thematik (Quelle: Opensourcepress)

Am 17. Dezember 1903 zeigten die Brüder Wright an einem windigen Strand in North Carolina 100 Sekunden lang, dass ein selbstangetriebenes Gerät fliegen kann, auch wenn es schwerer ist als Luft. Der Augenblick war elektrisierend, und seine Bedeutung wurde weithin verstanden. Binnen kürzester Zeit explodierte das Interesse an dieser neu entdeckten Technik des bemannten Fluges, und zahlreiche Tüftler nahmen sich der Sache an.

Damals, als die Brüder Wright das Flugzeug erfanden, erkannte das amerikanische Recht dem Grundbesitzer Eigentumsrechte nicht nur an der Oberfläche seines Grundstücks zu, sondern auch an dem gesamten Raum darunter, bis zur Mitte der Erde, und dem Raum darüber, „unendlich weit nach oben“.6 Viele Jahre lang hatten die Gelehrten darüber gerätselt, wie die Bestimmung auszulegen sei, dass die Besitzrechte sich in den Himmel erstreckten. Sollte das heißen, dass man die Sterne besaß? Konnte man Gänse wegen regelmäßigen und vorsätzlichen Hausfriedensbruchs belangen?

Dann kamen die Flugzeuge, und auf einmal gewann dieses Prinzip des amerikanischen Rechts, das tief in unserer Tradition verwurzelt und von den bedeutendsten Rechtsphilosophen unserer Vergangenheit anerkannt war, praktische Bedeutung. Wenn mein Grundbesitz sich bis zum Himmel erstreckt, was passiert dann, wenn United über mein Feld fliegt? Habe ich das Recht, ihnen den Zutritt zu meinem Eigentum zu verwehren? Darf ich exklusive Lizenzvereinbarungen mit Delta Airlines abschließen? Könnten wir in einer Auktion den Wert dieser Rechte ermitteln?

1945 wurden diese Fragen Gegenstand eines Rechtsstreits auf Bundesebene. Als die Farmer Thomas Lee und Tinie Causby aus North Carolina wegen tief fliegender Militärflugzeuge Hühner verloren (die verängstigten Hühner flogen offenbar gegen die Scheunenwand und starben), verklagten die Causbys die Regierung wegen Hausfriedensbruchs. Natürlich hatten die Flugzeuge nie den Grundbesitz der Causbys berührt. Aber wenn, wie die Rechtsgelehrten Blackstone, Kent und Coke gesagt hatten, dieser Grundbesitz sich „unendlich weit nach oben“ erstreckte, dann hatte die Regierung ihren Privatbesitz betreten, und das sollte nun ein Ende haben.

Der Oberste Gerichtshof der USA nahm sich des Falls an. Der Kongress hatte die Luftfahrtwege zu öffentlichem Raum erklärt, aber wenn Grundbesitz sich wirklich bis zum Himmel erstreckte, dann war das vielleicht eine unentschädigte „Aneignung“ von Privatbesitz und insoweit verfassungswidrig. Das Gericht erkannte an, es sei „eine alte Lehrmeinung, dass gesetzmäßiger Grundbesitz bis an den Rand des Universums reicht“. Aber Richter Douglas machte mit der alten Doktrin kurzen Prozess. Mit einem Federstrich wischte er Jahrhunderte des Eigentumsrechts weg. Im Namen des Gerichts schrieb er:

[Diese] Doktrin hat in der modernen Welt keinen Platz. Der Luftraum ist, wie der Kongress es erklärt hat, ein öffentlicher Verkehrsweg. Wäre dem nicht so, dann sähen sich die Betreiber von Interkontinentalflügen unzähligen Verletzungsklagen ausgesetzt. Der gesunde Menschenverstand revoltiert bei dem Gedanken. Die Anerkennung solcher privater Forderungen auf den Luftraum würde die Verkehrswege verstopfen, ihre Steuerung und Entwicklung im öffentlichen Interesse ernsthaft behindern und Bereiche dem Privatbesitz überantworten, auf die nur die Öffentlichkeit einen gerechten Anspruch erheben kann.7

„Der gesunde Menschenverstand revoltiert.“

So funktioniert Recht normalerweise. Nicht oft auf so schroffe und unverblümte Weise, aber letztlich funktioniert es so. Richter Douglas war ein Freund klarer Worte. Andere Richter hätten seitenlang vor sich hin philosophiert, um zu dem gleichen Schluss zu kommen, den Douglas in eine Zeile fasst: „Der gesunde Menschenverstand revoltiert.“ Aber gleich ob es nun mehrerer Seiten oder weniger Worte bedarf, es entspricht dem besonderen Geist eines Rechtssystems wie dem unsrigen, dass es sich der Technik seiner Zeit anpasst. Indem es sich anpasst, wandelt es sich. Vorstellungen, die in einem Zeitalter felsenfest etabliert waren, bröckeln in einem anderen weg.

So läuft es zumindest dann, wenn keine starke Macht auf der anderen Seite des Wandels steht. Die Causbys waren nur Farmer. Und wenngleich sicherlich viele ähnlich wie sie den zunehmenden Luftverkehr irritierend fanden (ob dabei immer Hühner gegen Wände flogen, ist eine andere Frage), hätten es die Causbys dieser Welt wohl kaum geschafft, sich zusammenzutun und die Entwicklung, die die Brüder Wright in Gang gesetzt hatten, zu stoppen. Die Brüder Wright hatten das Flugzeug in den Raum der technischen Meme hineingeworfen. Die Idee breitete sich dann wie ein Virus, und Farmer wie die Causbys fanden sich im Nu umzingelt von Vorstellungen darüber, was angesichts der von den Brüdern Wright entwickelten Technik „vernünftig“ sei und was nicht. Die Causbys konnten sich auf ihre Farmen stellen, tote Hühner in der Hand, und ihre Fäuste gegen diese neumodischen Techniken schwingen, so viel sie auch wollten. Sie konnten ihre Volksvertreter anrufen oder eine Klage einreichen. Aber zuletzt musste die Kraft dessen, was allen anderen „offensichtlich“ schien, die Kraft des „gesunden Menschenverstandes“ obsiegen. Gegen einen offensichtlichen Gemeinnutz hatte ihr „Privatinteresse“ keine Chance.

Edwin Howard Armstrong ist ein vergessenes amerikanisches Erfindergenie. Er betrat die Bühne kurz nach den Titanen Thomas Edison und Alexander Graham Bell. Aber sein Beitrag zur Funktechnik war vielleicht wichtiger als alles andere, was Einzelerfinder in den ersten 50 Jahren des Radios beigetragen haben. Er hatte eine bessere Ausbildung genossen als Michael Faraday, der als Buchbinderlehrling 1831 die elektrische Induktion entdeckt hatte. Aber er besaß die gleiche Intuition, wie die Welt der Funkübertragung funktionierte, und in mindestens drei Fällen erfand Armstrong bahnbrechende Techniken, die unser Verständnis des Radios voranbrachten.

Am Tag nach Weihnachten 1933 wurden Armstrong vier Patente für seine bedeutendste Erfindung erteilt, das frequenzmodulierte Radio (FM8 ). Bis dahin war Rundfunk stets amplitudenmoduliert (AM) gewesen. Die führenden Theoretiker der Zeit sagten, dass Frequenzmodulation nie funktionieren könne. Soweit es dabei um Frequenzmodulation in einem engen Frequenzbereich ging, hatten sie Recht. Aber Armstrong entdeckte, dass frequenzmoduliertes Radio in einem breiten Spektrum eine erstaunliche Klangqualität bei deutlich geringerer Sendeleistung und deutlich weniger Rauschen liefern konnte.

Am 5. November 1935 führte er die Technik auf einer Veranstaltung am Institut der Funkingenieure im Empire State Building in New York vor. Er ließ sein Radio eine Reihe von Mittel- und Kurzwellensendern durchlaufen, bis er es auf einen Sender einstellte, den er 30 Kilometer entfernt aufgebaut hatte. Das Radio wurde zunächst mucksmäuschenstill, und dann, mit einer Klarheit, wie sie niemand aus dem Publikum jemals aus einem elektrischen Gerät vernommen hatte, erzeugte es den Klang der Stimme eines Ansagers: „Hier ist der Amateursender W2AG in Yonkers, New York, der mit Frequenzmodulation auf zweieinhalb Metern arbeitet.“

Das Publikum vernahm, was niemand für möglich gehalten hatte:

Ein Glas Wasser wurde vor dem Mikrofon in Yonkers ausgegossen, und es klang wie ein Glas Wasser beim Ausgießen . . .  Ein Papier wurde zerknittert und zerrissen, und es klang wie Papier und nicht wie ein lodernder Waldbrand . . .  Sousa-Märsche wurden von Schallplatten gespielt, ein Klaviersolo und ein Gitarrenstück wurden aufgeführt . . .  Die Musik kam so lebendig rüber, wie sie kaum jemals aus einer „Musikkiste“ erklungen war.9

Unser gesunder Menschenverstand sagt uns, dass Armstrong eine haushoch überlegene Radiotechnik erfunden hatte. Aber zur Zeit seiner Erfindung arbeitete Armstrong für RCA. RCA war der herrschende Akteur im Markt des damals herrschenden AM-Radios. Im Jahr 1935 gab es in den USA 1 000 Radiosender, wobei die Sender in den großen Städten sich allesamt im Besitz einer Hand voll Betreibernetzwerke befanden.

Der Präsident von RCA, David Sarnoff, ein Freund von Armstrong, hoffte, dass Armstrong einen Weg finden würde, das Rauschen aus dem AM-Rundfunk zu entfernen. Folglich vernahm Sarnoff mit Begeisterung, dass Armstrong ein Gerät hatte, welches das Rauschen aus dem „Radio“ beseitigte. Aber als Armstrong ihm das Gerät vorführte, war Sarnoff keineswegs erfreut.

Ich hatte gedacht, Armstrong würde einen Filter erfinden, der das Rauschen aus unserem AM-Rundfunk entfernt. Ich hatte nicht erwartet, dass er eine Revolution anzetteln würde – eine ganze verdammte neue Industrie, die in Konkurrenz zu RCA treten würde.10

Armstrongs Erfindung bedrohte das AM-Imperium von RCA, und die Firma reagierte, indem sie dem FM-Radio den Kampf ansagte. Die Frequenzmodulation mag eine überlegene Technik gewesen sein, aber Sarnoff war ein überlegener Taktiker. Wie ein Autor schreibt:

Die Kräfte des FM-Lagers, hauptsächlich Ingenieure, konnten gegen das Gewicht der Strategie nicht ankommen, mit der die Verkaufs-, Patent- und Rechtsabteilungen des Platzhirsches gegen sie vorgingen. Hätte sich FM unbeschränkt entwickeln dürfen, hätte es zu . . .  einer vollständigen Neuordnung des Rundfunkwesens . . .  und letztendlich zur Umwälzung des umsichtig regulierten AM-Systems geführt, dem RCA seine Machtstellung verdankte.11

Zunächst hielt RCA die Technik bei sich im Haus mit der Begründung, dass weitere Versuche nötig seien. Als Armstrong nach zwei Jahren des Testens ungeduldig wurde, begann RCA, seinen Einfluss bei der Regierung zu nutzen, um die Entwicklung von jeglichem FM-Radio lahm zu legen. 1936 stellte RCA den früheren Leiter der FCC ein. Er sollte eine Aufteilung des Frequenzspektrums durch die FCC sicherstellen, bei der FM in einen Spektrumsbereich gelegt würde, in dem es seine Vorzüge nicht entfalten konnte. Zunächst scheiterten diese Bemühungen. Als dann aber Armstrong und das ganze Land durch den Zweiten Weltkrieg abgelenkt wurden, begann die Arbeit von RCA Früchte zu tragen. Kurz nach Ende des Krieges kündigte die FCC eine Reihe von Leitlinien an, deren Wirkung deutlich absehbar war: Verstümmelung des FM-Rundfunks. Wie Lawrence Lessing es beschreibt:

Die Serie von Rückschlägen, die das FM-Radio gleich nach dem Krieg durch zahlreiche Entscheidungen der FCC erlitt, die auf Manipulationen der großen Rundfunk-Interessen zurückgingen, war in ihrer Gewalt und Heimtücke kaum zu fassen.12

Um Platz für das neueste Projekt von RCA, das Fernsehen, zu schaffen, sollten die Nutzer des FM-Radios in einen ganz neuen Spektrumsbereich abgeschoben werden. Die Rechte der FM-Sender wurden zudem derart beschnitten, dass FM-Radio nicht mehr verwendet werden konnte, um Programme von einem Teil des Landes in den anderen zu übertragen. (Diese Änderung fand starke Unterstützung bei AT&T, denn der Verlust an FM-Relaissendern bedeutete, dass die Sender Kabelverbindungen von AT&T kaufen mussten.) Die Verbreitung des FM-Radios wurde damit, zumindest zeitweilig, erstickt.

Armstrong widersetzte sich den Bemühungen von RCA. Im Gegenzug widersetzte sich RCA den Patenten Armstrongs. RCA baute zunächst die FM-Technik in den aufkommenden Fernsehstandard ein, um dann plötzlich, ohne Grund und fünfzehn Jahre nach ihrer Erteilung, die Patente für nichtig zu erklären und Lizenzzahlungen zu verweigern. Sechs Jahre lang führte Armstrong einen teuren Krieg, um seine Patente aufrechtzuerhalten. Schließlich, als die Patente gerade ausliefen, bot RCA eine Vergleichszahlung an, mit der noch nicht einmal Armstrongs Anwaltskosten hätten beglichen werden können. Besiegt, gebrochen und bankrott schrieb Armstrong 1954 eine kurze Nachricht an seine Frau und sprang dann aus einem Fenster im dreizehnten Stock in den Tod.

Auch so funktioniert manchmal das Recht. Nicht oft so tragisch und selten mit heldenhafter Dramatik, aber dennoch, so funktioniert es. Von Anfang an waren die Regierung und ihre Organe von bestimmten Interessen vereinnahmt. Solche Vereinnahmung ist besonders dann wahrscheinlich, wenn mächtige Interessen von einer rechtlichen oder technischen Veränderung bedroht sind. Diese mächtigen Interessen üben ihren Einfluss in der Regierung aus, um Schutz von der Regierung zu bekommen. Die damit verbundene Rhetorik hält natürlich immer öffentliche Interessen hoch, die Realität ist aber eine andere. Ideen, die in einem Zeitalter felsenfest etabliert waren, die aber, auf sich selbst gestellt, im neuen Zeitalter sofort zerbröckeln würden, werden durch solch subtile Korruption unseres Gemeinwesens aufrechterhalten. RCA hatte etwas, was den Causbys fehlte: die Macht, die Wirkungen des technischen Wandels zu unterdrücken.

Das Internet hat keinen Erfinder. Es gibt auch kein Datum, an dem man seine Geburt festmachen könnte. Dennoch ist das Internet in sehr kurzer Zeit ein Teil des amerikanischen Alltagslebens geworden. Dem Projekt Pew Internet and American Life zufolge hatten 2002 58% der Amerikaner Zugang zum Internet. Zwei Jahre vorher waren es noch 49% gewesen.13 Dieser Anteil könnte bis Ende 2004 leicht zwei Drittel überschreiten.

Indem das Internet ein Teil des Lebens wurde, hat es das Leben auch verändert. Manche dieser Veränderungen sind technischer Natur – das Internet hat die Kommunikation beschleunigt, es hat die Kosten der Informationsbeschaffung verringert und so weiter. Um diese technischen Veränderungen geht es in diesem Buch nicht. Dabei wären sie durchaus wichtig und unbedingt weiterer Aufklärung würdig. Aber sie würden einfach verschwinden, wenn wir alle zusammen das Internet abschalten würden. Sie betreffen nicht diejenigen, die das Internet nicht nutzen, oder wenigstens betreffen sie sie nicht unmittelbar. Sie wären das richtige Thema für ein Buch über das Internet. Aber dies ist kein Buch über das Internet.

Vielmehr geht es diesem Buch um eine Wirkung des Internet über das Internet hinaus: die Wirkung darauf, wie Kultur geschaffen wird. Ich behaupte, dass das Internet einen wichtigen und unerkannten Wandel in diesem Vorgang hervorgerrufen hat. Dieser Wandel wird eine Tradition grundlegend verändern, die so alt ist wie die Republik selbst. Diese Veränderung würde weitgehend auf Ablehnung stoßen, wenn sie denn erkannt würde. Doch die meisten sehen die Veränderung, die das Internet eingeleitet hat, nicht einmal.

Wir können ein Gefühl für diese Veränderung bekommen, indem wir zwischen kommerzieller und nichtkommerzieller Kultur unterscheiden und den Niederschlag beider in den sie behandelnden Gesetzesregelungen nachvollziehen. Mit „kommerzieller Kultur“ meine ich den Teil unserer Kultur, der erzeugt und verkauft oder zum Zwecke des Verkaufs erzeugt wird. Mit „nichtkommerzieller Kultur“ meine ich alles übrige. Wenn alte Männer in Parks oder an Straßenecken saßen und Märchen erzählten, denen Kinder und andere zuhörten, dann war das nichtkommerzielle Kultur. Als Noah Webster14 seinen Reader15 oder Joel Barlow16 seine Gedichte veröffentlichte, war das kommerzielle Kultur.

Zu Beginn unserer Geschichte und wohl in unserer gesamten Tradition war die nichtkommerzielle Kultur im Wesentlichen unreguliert. Natürlich, wenn ein Märchen anzüglich war oder ein Lied den Frieden störte, konnte schon mal das Gesetz einschreiten. Aber das Gesetz hatte nie direkt mit der Schaffung oder Verbreitung dieser Form von Kultur zu tun und ließ diese Kultur „frei“. Die gewöhnlichen Formen, wie gewöhnliche Individuen ihre Kultur teilten und verarbeiteten – Geschichten erzählen, Szenen aus Theaterstücken oder Filmen nachspielen, an Fanclubs teilnehmen, Musik aufnehmen und austauschen – wurden vom Gesetz in Ruhe gelassen.

Das Gesetz konzentrierte sich auf die kommerzielle Schaffenskraft. Es schützte zunächst behutsam, dann ziemlich allumfassend die Anreize für Schöpfer, indem es ihnen Ausschlussrechte für ihre Schöpfungen zubilligte, damit sie diese Ausschlussrechte auf einem kommerziellen Markt verkaufen konnten.17 Das ist natürlich auch ein wichtiger Teil der Kreativität und der Kultur, und er hat in Amerika stetig an Bedeutung gewonnen. Dennoch war er in unserer Tradition in keiner Weise beherrschend. Es war vielmehr nur ein Teil, ein kontrollierter Teil, der sich mit dem freien Teil in einem Gleichgewicht befand.

Diese strikte Trennung zwischen der freien und der kontrollierten Sphäre ist nun aufgehoben.18 Das Internet hat dieser Aufhebung den Boden bereitet, die Medienkonzerne haben sie forciert, und der Gesetzgeber hat sie mittlerweile umgesetzt. Zum ersten Mal in unserer Geschichte unterliegen die gewöhnlichen Formen, wie Einzelpersonen Kultur schaffen und teilen, dem Zugriff des Gesetzes, das auf einen weiten Bereich der Kultur und der Kreativität ausgedehnt wurde, den es nie zuvor erfasst hatte. Die Technik, die früher das Gleichgewicht in unserer Geschichte – zwischen freier und erlaubnisabhängiger Kulturnutzung – aufrechterhielt, wurde aus den Angeln gehoben. Dies hat zur Folge, dass wir immer weniger eine freie Kultur und immer mehr eine Erlaubniskultur sind.

Diese Veränderung wird mit Hinweis auf die Schutzbedürfnisse der kommerziellen Schaffenskraft gerechtfertigt. Sie ist in der Tat protektionistisch motiviert. Aber der Protektionismus, der die Veränderungen rechtfertigt, die ich im Folgenden beschreiben werde, ist nicht der beschränkte und ausgewogene Interessenschutz, der das Gesetz in der Vergangenheit prägte. Es geht nicht um einen Protektionismus zum Schutz von Künstlern, sondern vielmehr zum Schutz bestimmter Geschäftsmodelle. Die zu erwartenden Auswirkungen des Internet sowohl auf die kommerzielle als auch die nichtkommerzielle Kultur riefen Firmen auf den Plan, die sich bedroht fühlten und nach dem Gesetzgeber riefen. Es ist die Geschichte von RCA und Armstrong; es ist der Traum der Causbys.

Das Internet hat außergewöhnliche Möglichkeiten für viele geschaffen, am Aufbau und der Pflege einer Kultur teilzuhaben, die weit über örtliche Grenzen hinausreicht. Diese Macht hat den Marktplatz zur Erzeugung und Pflege von Kultur insgesamt verändert, und diese Veränderung bedroht die etablierte Informationswirtschaft. Das Internet ist für die Branchen, die im zwanzigsten Jahrhundert Informationswerke erstellten und verteilten, das, was das FM-Radio für das AM-Radio oder was der Lastwagen für die Eisenbahnindustrie des neunzehnten Jahrhunderts war: der Anfang vom Ende, oder zumindest der Anfang einer tiefgreifenden Transformation. Mit dem Internet verbundene digitale Techniken könnten einen weit wettbewerbsintensiveren und dynamischeren Markt für die Schaffung und Pflege von Kultur erzeugen. Dieser Markt könnte ein viel breiteres und vielfältigeres Spektrum an Kreativen einbeziehen und zu einer unerhörten Blüte führen. Schließlich könnten diese Kreativen dabei im Schnitt mehr Geld verdienen, als sie es heute tun. All dies ist möglich, solange die heutigen RCAs nicht das Recht in ihre Dienste nehmen, um sich gegen den neuen Wettbewerb zu schützen.

Doch genau das passiert derzeit in unserer Kultur, wie ich im Folgenden noch darlegen werde. Die heutigen Mächte, die dem Radio des frühen zwanzigsten und der Eisenbahn des neunzehnten Jahrhunderts entsprechen, haben das Recht eingespannt, um sich gegen die neuen, effizienteren und dynamischeren Kulturtechniken zu schützen. Sie haben sich mit Erfolg daran gemacht, das Internet neu zu erfinden, bevor es sie neu erfindet.

Das haben bislang nicht viele gemerkt. Von den Schlachten über Urheberrechte und das Internet fühlen sich die meisten nicht unmittelbar betroffen. Den wenigen, die sich damit beschäftigen, stellen sie sich meist in Form viel einfacherer Fragen, nämlich ob „Piraterie“ erlaubt oder „Eigentum“ geschützt wird. Der „Krieg“, der gegen die Techniken des Internet geführt worden ist – der Vorsitzende des Filmindustrieverbands MPAA19 , Jack Valenti, spricht von seinem „eigenen Krieg gegen den Terrorismus“20 –, wurde als Kampf um die Durchsetzung des Rechts und den Respekt vor dem Eigentum präsentiert. Die Entscheidung für die eine oder andere Seite dieser Auseinandersetzung stellt sich den meisten als eine Entscheidung für oder gegen Privateigentum dar.

Wenn das die Alternativen wären, dann stünde ich sicher auf der Seite von Jack Valenti und der digitalen Wirtschaft. Ich glaube auch an Privateigentum, und insbesondere auch an die Bedeutung dessen, was Herr Valenti liebevoll „schöpferisches Eigentum“ nennt. Ich glaube auch, dass „Piraterie“ verwerflich ist und dass das Recht, mit der richtigen Feinabstimmung, „Piraterie“ bestrafen sollte, sowohl im Internet als auch anderswo.

Aber diese einfachen Entscheidungen verdecken eine viel grundlegendere Frage, eine viel dramatischere Veränderung. Wenn diese Veränderung uns nicht bewusst wird, fürchte ich, dass der Versuch, die „Piraten“ aus dem Internet zu vertreiben, letztlich Werte aus unserer Kultur austreiben wird, die von Anfang an dazugehörten.

Diese Werte haben eine Tradition begründet, die zumindest in den letzten 180 Jahren unserer Republik den schöpferisch Tätigen das Recht garantierte, frei auf ihrer Vergangenheit aufzubauen, und die Schöpfer und Neuerer vor staatlicher oder privater Kontrolle schützte. Der Erste Zusatz21 schützte die schöpferisch Tätigen vor staatlicher Kontrolle. Und, wie Professor Neil Netanel überzeugend darlegt,22 ein ausgewogenes Urheberrecht schützt die Schöpfer vor privater Kontrolle. Unsere Tradition war demnach weder sowjetisch noch eine Tradition von Mäzenen. Sie schuf vielmehr einen breiten Raum, in dem die Kreativen selbst unsere Kultur pflegen und erweitern konnten.

Die Antwort des Gesetzgebers auf die mit dem Internet einhergehenden technischen Veränderungen hat jedoch zu einer massiven Zunahme der Regulierung von Kreativität in Amerika geführt. Um auf der Kultur um uns herum aufzubauen oder sie kritisch zu verarbeiten, muss man, wie einst Oliver Twist, um Erlaubnis bitten. Die Erlaubnis wird freilich oft erteilt, aber nicht so oft den kritischen oder unabhängigen Geistern. Wir haben eine Art Kulturadel etabliert; innerhalb dieser Adelsschicht lebt es sich leicht, außerhalb schwer. Aber Adel in jeglicher Form ist unserer Tradition fremd.

Was folgt, ist eine Geschichte über diesen Krieg. Es geht nicht um einen „Primat der Technik“ gegenüber dem täglichen Leben, denn ich glaube nicht an Götter, weder digitale noch andere. Mir liegt auch nicht daran, irgendwelche Personen oder Gruppen zu dämonisieren, denn ich glaube nicht an Teufel, weder in Konzernen noch anderswo. Es ist keine literarisch verpackte Morallehre und auch kein Aufruf zum heiligen Krieg gegen einen Wirtschaftszweig.

Vielmehr ist es ein Versuch, einen hoffnungslos destruktiven Krieg verständlich zu machen, der von den Techniken des Internet angefacht wurde, aber weit darüber hinaus reicht. Darin liegt die Hoffnung, dass aus dem Verständnis ein möglicher Friede Gestalt annehmen könnte. Es gibt keine guten Gründe für die Fortsetzung des derzeitigen Krieges um die Techniken des Internet. Wenn er unkorrigiert weiter wüten darf, wird er unserer Tradition und Kultur schweren Schaden zufügen. Wir müssen die Ursprünge dieses Krieges verstehen lernen. Wir müssen bald zu einer Lösung kommen.

Wie beim Kampf der Causbys geht es auch bei diesem Krieg teilweise um „Eigentum“. Das Eigentum in diesem Krieg ist nicht so leicht greifbar wie bei den Causbys, und noch kein unschuldiges Huhn musste seinetwegen sein Leben lassen. Dennoch ist die Vorstellung von diesem „Eigentum“ für die meisten nicht weniger plausibel als der Anspruch der Causbys auf die Unverletzlichkeit ihrer Farm. Wir sind die Causbys. Die meisten von uns halten die mitunter weitreichenden Ansprüche für selbstverständlich, die die Besitzer von „geistigem Eigentum“ heutzutage geltend machen. Die meisten von uns sehen ebenso wenig wie die Causbys einen Grund, an dem überkommenen Eigentum zu zweifeln. Daher protestieren wir genauso wie die Causbys, wenn eine neue Technik in dieses Eigentum eingreift. Für uns ist genauso klar wie für sie, dass wir es hier mit neuen Techniken zu tun haben, die zu einer Verletzung legitimer Eigentumsrechte führen. Für uns ist genauso klar wie für sie, dass das Gesetz dem Einhalt gebieten muss.

Wenn nun ein paar Bastler und Technologen à la Armstrong oder Wright dagegen halten und ihre neuen Errungenschaften rechtfertigen, nehmen die meisten von uns das ohne allzu viel Anteilnahme zur Kenntnis. Der gesunde Menschenverstand revoltiert. Anders als bei den glücklosen Causbys steht der gesunde Menschenverstand in diesem Krieg auf der Seite der Eigentümer. Anders als bei den glücklichen Brüdern Wright hat das Internet das Denken nicht zu seinen Gunsten revolutioniert.

Ich hoffe dennoch, diesen gesunden Menschenverstand ein Stück weit vorwärts zu bringen. Die Idee vom geistigen Eigentum hat inzwischen eine erstaunliche Macht entwickelt, wenn es darum geht, den kritischen Verstand von Gesetzgebern und Bürgern auszuschalten. Es gab noch nie eine Zeit in unserer Geschichte, in der unsere Kultur in so hohem Maße Besitzansprüchen unterworfen war wie heute. Und noch nie war die Machtkonzentration bei denen, die die Möglichkeiten der Nutzung von Kultur regulieren, so fraglos akzeptiert wie heute.

Die Frage ist: Warum?

Liegt es daran, dass wir den Wert und die Bedeutung absoluter Besitzansprüche auf Ideen und Kulturgüter erst jetzt richtig erkannt haben? Liegt es daran, dass wir unsere Tradition, die solche Absolutheitsansprüche zurückwies, überdacht haben und nun zu anderen Schlussfolgerungen gekommen sind?

Oder liegt es eher daran, dass die Vorstellung vom absoluten Privatbesitz von Ideen und Kultur den RCAs unserer Zeit genehm ist und unseren unreflektierten Intuitionen entspricht?

Ist die radikale Abkehr von unserer Tradition der freien Kultur ein Beispiel des Lernens aus Fehlern der Vergangenheit, wie die Abschaffung der Sklaverei nach einem blutigen Bürgerkrieg oder unsere allmähliche Beseitigung von Ungleichheiten? Oder ist die radikale Abkehr von unserer Tradition der freien Kultur nur ein weiteres Beispiel dafür, wie ein politisches System von mächtigen Interessengruppen vereinnahmt werden kann?

Führt der gesunde Menschenverstand bei dieser Frage zu einer extremen Haltung, weil er tatsächlich an diese extreme Haltung glaubt? Oder schweigt der gesunde Menschenverstand vor diesen Extremen, weil, wie im Falle von Armstrong gegen RCA, die mächtigere Seite die mächtigeren Ansichten hat?

Ich will hier keinen Hehl aus meinen eigenen Ansichten machen. Meiner Meinung nach revoltiert der gesunde Menschenverstand zu Recht gegen den Extremismus der Causbys. Meiner Meinung nach hat der gesunde Menschenverstand genauso viel Grund zur Auflehnung gegen die extremen Ansprüche, die heute im Namen des „geistigen Eigentums“ gestellt werden. Das Gesetz agiert heute zunehmend so albern wie ein Sheriff, der ein Flugzeug wegen Hausfriedensbruchs verhaftet. Aber die Folgen dieser Albernheit werden viel tiefgreifender sein.

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Der Kampf, der heute tobt, dreht sich um zwei Ideen: „Piraterie“ und „Eigentum“. In den nächsten Teilen dieses Buches möchte ich diese beiden Ideen untersuchen. Dabei möchte ich nicht die üblichen „wissenschaftlichen“ Methoden anwenden. Ich möchte nicht komplexe Argumentationen, garniert mit Verweisen auf obskure französische Theoretiker, aufbauen, egal wie natürlich das unserem heutigen Wissenschaftsbetrieb scheinen mag. Vielmehr werde ich jeden Teil mit einer Reihe von Geschichten einleiten, die einen Zusammenhang ergeben, in dem die scheinbar einfachen Ideen besser verstanden werden können.

Diese beiden Abschnitte bilden die Kernthese dieses Buches: dass das Internet in der Tat etwas Fantastisches und Neues aufgebaut hat, und dass unsere Regierung, indem sie sich von Medienkonzernen zu einer Antwort auf dieses Neue treiben lässt, etwas sehr Altes zerstört. Statt die positiven Veränderungen zu verstehen, die das Internet ermöglichen könnte, statt dem „gesunden Menschenverstand“ Zeit zu geben, eine angemessene Antwort zu entwickeln, erlauben wir denen, die am meisten zu verlieren haben, ihre Macht einzusetzen, um das Recht zu ändern, wobei sie nebenbei die Grundlagen dessen, was uns immer ausgemacht hat, umdefinieren dürfen.

Wir erlauben dies meines Erachtens nicht deshalb, weil wir es für richtig halten, und nicht deshalb, weil wir an diese Veränderungen glauben. Wir erlauben es vielmehr einfach deshalb, weil diejenigen, die am meisten zu verlieren haben, zu den mächtigsten Akteuren in dem Trauerspiel zählen, durch das bei uns Gesetze entstehen. Dieses Buch handelt von einer weiteren Folge der Korruption unserer Gesetzgebungsprozesse – einer Folge, die allzu leicht übersehen werden und in Vergessenheit geraten kann.

„Piraterie“

Seit Anbeginn der gesetzlichen Regelung von schöpferischem Eigentum gibt es den Krieg gegen die „Piraterie“. Die genauen Umrisse des Begriffs „Piraterie“ sind schwer zu zeichnen, aber das beflügelnde Unrecht ist leicht zu fassen. Wie Lord Mansfield23 in einer Streitschrift für die Ausweitung des englischen Urheberrechts auf Musiknoten formuliert:

Abspielen ist erlaubt, aber niemand hat das Recht, den Autor seines Gewinns zu berauben, indem er Kopien herstellt und zu seinem eigenen Vorteil veräußert.24

Heute befinden wir uns inmitten eines weiteren „Krieges“ gegen die „Piraterie“. Diesen Krieg hat das Internet heraufbeschworen. Das Internet ermöglicht die effiziente Verbreitung von Inhalten. Der mittlerfreie Dateitausch25 gehört zu den effizientesten Techniken, die das Netz zu bieten hat. Durch verteilte Intelligenz erleichtern P2P-Systeme die Verbreitung von Informationen in einer noch vor einer Generation unvorstellbaren Art und Weise.

Diese Effizienz setzt sich über die traditionellen Grenzen des Urheberrechts hinweg. Das Netz unterscheidet Inhalte nicht danach, ob sie dem Urheberrecht unterliegen oder nicht. Dadurch ist es in großem Umfang zum Tausch urheberrechtlich geschützter Inhalte gekommen. Das wiederum hat einen Krieg ausgelöst, denn die Rechteinhaber fürchten, der Tausch werde „den Autor seines Gewinns berauben“.

Die Krieger haben bei den Gerichten, beim Gesetzgeber und zunehmend bei der Technik Schutz gesucht, um ihr „Eigentum“ gegen die „Piraterie“ zu verteidigen. Eine Generation von Amerikanern, so warnen die Krieger, werde in dem Glauben erzogen, man dürfe sich „frei“ am „Eigentum“ anderer bedienen. Tattoos und Piercing sind Schnee von gestern, die Jugendlichen von heute werden zu Dieben!

Es besteht kein Zweifel daran, dass „Piraterie“ verwerflich ist und Piraten bestraft werden sollten. Doch bevor wir die Scharfrichter herbeirufen, sollten wir den Begriff der „Piraterie“ in den richtigen Zusammenhang stellen. Der zunehmende Gebrauch des Begriffs ändert nämlich nichts daran, dass ihm ein bemerkenswerter Gedanke zugrunde liegt, der so nicht ganz stimmen kann.

Der Gedanke lautet etwa wie folgt:

Schöpferische Arbeit hat einen Wert; wann immer ich die schöpferische Arbeit eines anderen nutze, nehme oder zugrunde lege, nehme ich ihm etwas Wertvolles. Wann immer ich etwas Wertvolles von jemandem nehme, sollte ich dazu seine Erlaubnis haben. Von jemandem etwas Wertvolles ohne Erlaubnis zu nehmen ist verwerflich. Es ist eine Form der Piraterie.

Diese Sichtweise liegt, meist unreflektiert, den derzeitigen Debatten zugrunde. Professor Rochelle Dreyfuss von der New York University spricht von der „Wo-Wert-da-Recht“-Lehre des schöpferischen Eigentums:26 Wo es einen Wert gibt, muss es auch jemanden geben, der einen Rechtsanspruch auf diesen Wert hat. Es ist diese Sichtweise, die eine Verwertungsgesellschaft der Komponisten, ASCAP27, dazu brachte, Pfadfinderinnen auf Entschädigung zu verklagen, weil sie Lieder am Lagerfeuer gesungen hatten.28 Da gab es einen Wert, nämlich die Lieder, und folglich musste es auch einen Rechtsanspruch geben, und sei es gegenüber Pfadfinderinnen.

Dies ist sicher eine mögliche Auslegung von schöpferischem Eigentum. Auf dieser Doktrin könnte man zweifellos ein System zum Schutz des schöpferischen Eigentums entwerfen. Allerdings war die „Wo-Wert-da-Recht“-Lehre niemals die amerikanische Lehre von schöpferischem Eigentum. Sie hat in unserem Recht niemals Fuß gefasst.

Vielmehr ist in unserer Tradition das geistige Eigentum ein Instrument. Es legt den Grundstein für eine schöpferische Gesellschaft, aber es bleibt dem Wert der Kreativität untergeordnet. Die derzeitige Debatte hat diese Werteordnung umgekehrt. Wir sind so sehr um den Schutz des Instrumentes besorgt, dass wir den Wert aus dem Blick verloren haben.

Quelle dieser Verwirrung ist eine Unterscheidung, die das Gesetz nicht mehr trifft – die zwischen der Wiederveröffentlichung eines Werks und der Weiterentwicklung dieses Werks. Zur Zeit seiner Entstehung kümmerte sich das Urheberrecht29 nur um Wiederveröffentlichung; heute regelt es beides.

Bevor das Internet aufkam, störte diese Vermischung nicht allzu sehr. Veröffentlichen war teuer und fand daher größtenteils im kommerziellen Bereich statt. Kommerzielle Organisationen kamen mit dem Urheberrecht bei all seiner byzantinischen Komplexität noch immer klar. Es war nur einer von vielen Posten im Geschäftsbetrieb.

Aber mit der Entstehung des Internet verschwand diese natürliche Grenze der Ausdehnung des Gesetzes. Das Gesetz regelt nun nicht mehr nur die Kreativität kommerzieller Schöpfer, sondern die eines jeden. Auch diese Ausdehnung würde nicht weiter stören, würde das Urheberrecht nur das „Kopieren“ regeln. Da es aber viel mehr erfasst und seine Grenzen schwer zu erkennen sind, stört die Ausdehnung erheblich. Die Last dieses Gesetzes überwiegt jetzt bei weitem seine ursprünglichen Vorteile – dies gilt insbesondere für seine Anwendung im nichtkommerziellen und zunehmend auch im kommerziellen Bereich. Daher dient das Recht, wie wir im Folgenden sehen werden, immer weniger der Unterstützung von Kreativität als dem Schutz bestimmter Branchen vor Wettbewerb. Gerade in dem Moment, wo die digitale Technik ein breites Spektrum kommerzieller und nichtkommerzieller Kreativität entfesseln könnte, belastet das Recht diese Kreativität mit unsinnig komplexen und unklaren Regeln und mit der Androhung unanständig hoher Strafen. Wir werden möglicherweise, wie Richard Florida schreibt, Zeugen des „Aufstiegs der kreativen Klasse“.30 Leider sehen wir zugleich eine außergewöhnliche Zunahme von Regulierung dieser kreativen Klasse.

Diese Belastungen ergeben im Rahmen unserer Tradition keinen Sinn. Wir sollten zu Beginn unserer Überlegungen diese Tradition etwas besser kennen lernen und die derzeitigen Kämpfe um das als „Piraterie“ bezeichnete Verhalten in den richtigen Zusammenhang stellen.

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Das Buch von Lawrence Lessig ist unter einer http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/de/ Lizenz veröffentlicht und ist hier als Audiobuch verfügbar.

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